Boden unversiegelt lassen, der Zukunft zuliebeBoden unversiegelt lassen, der Zukunft zuliebe

Naturschutz: In nur 50 Jahren hat sich die bebaute Fläche Heppenheims verdreifacht, behauptet die Agenda-21-Gruppe

  • Das Hessische Naturschutzgesetz soll novelliert werden. Wichtigste Neuerung im Gesetz wird sein, dass die großen Landschaftsschutzgebiete wegfallen. Welche Nachteile dies für die Bevölkerung hat, macht die Lokale Agenda 21 Heppenheim in einer losen Folge von mehreren Beiträgen deutlich. Hier ist der vierte Beitrag.

    HEPPENHEIM. Der Bürgermeister einer Gemeinde im Kreis Bergstraße – einer, von dem bisher angenommen wurde, dass er sich besonders tatkräftig für die Belange seiner Gemeinde und ihrer Menschen einsetze – sagte kürzlich, er begrüße die Novellierung des Hessischen Naturschutzgesetzes, weil die Gemeinden dadurch nicht mehr in ihrer Planungshoheit eingeschränkt seien, also künftig ungehindert weitere Wohn- und Gewerbegebiete ausweisen könnten.

    Es kann nun niemand mehr sagen, mit dem Wegfall der Landschaftsschutzgebiete werde schon nichts passieren, es werde nichts so heiß gegessen, wie es gekocht worden sei und dergleichen kluge Sprüche. Der Druck auf die Gemeindeverwaltungen, neu zu bauen, neue Gewerbegebiete auszuweisen oder Straßen anzulegen ist nämlich groß. Den Druck schaffen einerseits Grundbesitzer, die so quasi im Sitzen Geld verdienen wollen, andererseits von Personen, die sich einen Namen machen, als Neugestalter ins Buch der Geschichte eingehen wollen. Und von den vielen, die meinen, es müsse eben so weiter gehen.

    Die Vorteile der Erhaltung lebendigen, grünen Bodens werden in dieser Folge von Beiträgen im Detail genannt, die Gefahren der Versiegelung auch. Die Erzeugung von Sauerstoff, unserem „Lebensmittel Nummer eins“, wird durch die zunehmende Entgrünung der Umwelt empfindlich gedrosselt. Das Kleinklima in unseren Breiten wird verändert, weil an Stellen, an denen gebaut wurde, der Wind nicht mehr ungehindert streichen und frische Luft zuführen kann. Erholungsräume schwinden oder wirken nicht mehr. Der Kampf gegen die Bauwut läuft freilich eher in der Stille ab, und den Vorkämpfern winken keine Lorbeerkränze.

    Bisher war der Landschaftsschutz ein mächtiger Damm gegen ungehemmtes Verbauen unserer Umgebung. Nur Landwirtschaft, Forsten und Energiewirtschaft genossen das Privileg, auch im Landschaftsschutzgebiet bauen zu dürfen. Jede weitere Ausnahme erforderte aufwendige Verfahren der „Entlassung“ aus dem Landschaftsschutzgebiet. Wenn nun die 14 großen Landschaftsschutzgebiete Hessens aufgelöst werden, wird dies dem Versiegelungsdrang Tür und Tor öffnen.

    Die Stadt Heppenheim hat bisher einer ungezügelten Bebauung tapfer widerstanden. Vor allem ist es ihr gelungen, die Hänge des vorderen Odenwaldes weitgehend frei zu halten. Was passieren kann, wenn man den Dingen einfach ihren Lauf lässt, kann man sich im Heidelberger Stadtteil Emmertsgrund ansehen, wo sich immer mehr untypische Großbauten wie Geschwüre an den Berghängen emporfressen.

    Heppenheim, keineswegs sündenfrei, hat immerhin die Schlossbergbebauung zu drosseln verstanden. Eine bislang verbleibende Lücke gewährt herrlichen Ausblick über die Rheinebene und die Stadt Worms bis zum Donnersberg. Das Stadtparlament und die Mehrheit der Heppenheimer Bürger wollen, dass dieses Straßenstück unverbaut bleibt. Ein einziger Bürger will es bebauen. Bis vor kurzem hat dies der Landschaftsschutz verhindert. Nachdem das Regierungspräsidium 2004 die Grenze des Landschaftsschutzgebietes verändert hat, wird der eine gegen den Willen der Bevölkerung dort bauen.

    Heppenheim war vor einem halben Jahrhundert eine kleine Stadt, die in über 1250 Jahren gewachsen war. Aber in den darauf folgenden nur 50 Jahren hat sich die bebaute Fläche der Stadt verdreifacht. Grund und Boden stehen nicht unbegrenzt zur Verfügung. „Wollen wir unseren Kindern eine lebenswerte Zukunft verschaffen, so müssen wir ihnen möglichst viel unversiegelten Boden hinterlassen“, formuliert die Agenda-21-Gruppe.

    Deshalb verlangt sie, dass der Anteil versiegelten Bodens sich nicht weiter erhöhen darf. Werden die Pläne der Landesregierung Wirklichkeit, werde dies indes ein Wunschtraum bleiben.

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    aus dem Starkenburger Echo vom 22.8.2006