Klein und zierlich, zäh und beharrlichKlein und zierlich, zäh und beharrlich

Landtagswahl: SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti will mit regenerativen Energien und Bildungspolitik punkten

KREIS BERGSTRASSE. Neue Energien für Hessen fordert die SPD-Spitzenkandidatin für die Landtagswahl, Andrea Ypsilanti. Das ist wörtlich im Sinne regenerativer Energien zu verstehen, aber auch im übertragenen Sinne: Als selbstbewusste und mutige Spitzenkandidatin, die die CDU von Woche zu Woche nervöser mache, charakterisierte der SPD-Landtagsabgeordnete und Generalsekretär Norbert Schmitt die 1957 geborene Rüsselsheimerin. Ypsilanti wirke zwar klein und zierlich, sei aber sehr zäh und sehr beharrlich, betonte Schmitt. Dies sei auf ihren ganz anderen Lebensweg als den von Ministerpräsident Roland Koch (CDU) zurückzuführen, der sie zunächst in die Berufswelt und erst spät in die Politik geführt habe. Auch zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf könne sie eigene Erfahrungen beisteuern, so Schmitt.

Regenerative Energien sind der Schwerpunkt der dreiwöchigen Sommertour mit über 50 Terminen, die die Kandidatin gestern auch in den Kreis Bergstraße führte. Bis 2013 solle der gesamte Strom der Kernkraftwerksblöcke Biblis A und B durch regenerative Energien ersetzt werden, ohne neue Kohlekraftwerke zu bauen, unterstrich Ypsilanti. Dass dies keine „Utopie sondern Realpolitik“ sei, habe der Träger des alternativen Nobelpreises, Hermann Scheer, mit einem mutigen Energiekonzept bewiesen. Scheer ist in der Position als Wirtschafts- und Umweltminister der einzige Namen im Schattenkabinett, den Ypsilanti bislang genannt hat.

Nötig für das Energiekonzept seien jedoch gesetzliche Änderungen im Bau- und Abfallrecht. Auch Regionalpläne müssten anders aussehen, um Windkraft zuzulassen. „Windräder muss man nicht schön finden, aber sie als notwendig erachten“, unterstrich Ypsilanti. Umfragen zeigten, dass 70 Prozent der Bürger Windkraft befürworteten. Die Gegner seien jedoch sehr lautstark.

Bausteine für das Energiekonzept gebe es schon überall, betonte Ypsilanti. Durch die Förderung vieler mittelständischer Unternehmen in diesem Sektor verspricht sich die SPD-Frau positive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. „Wir wollen die Wertschöpfung in der Region lassen, nicht bei den Ölmultis“, ergänzte Schmitt. Solarmodule könnten als Bürgeranteile angeboten werden; regenerative Energien neue Einnahmemöglichkeiten für die Landwirtschaft erschließen.

Am Vormittag hatte Ypsilanti in Bürstadt die geplante Photovoltaikanlage an der Lärmschutzwand im Neubaugebiet „Sonneneck“ sowie die im Bau befindliche Biogasanlage besichtigt. Nachmittags fuhr sie weiter in den Odenwaldkreis, wo sie das Solarunternehmen Ralos Vertriebs GmbH in Michelstadt und ein genossenschaftlich betriebenes Biomassekraftwerk in Rai-Breitenbach besuchte.

In Ruhe mittags den Salat mit Putenbruststreifen im Bensheimer Hotel Felix genießen, konnte Ypsilanti gestern allerdings nicht: Weil Ministerpräsident Roland Koch (CDU) zeitgleich eine Bilanz seiner Regierungszeit zog, war das Interesse der Fernsehsender an der Konkurrentin groß.

Erhard Renz, der in Bürstadt einst das 23 Millionen Euro teure, weltweit größte Solardach initiiert hat, beklagte jedoch, dass die Genehmigung der Photovoltaik in der Lärmschutzwand im „Sonneneck“ seit neun Monaten nicht vorankomme. Es könne nicht sein, dass die Genehmigung einer einzigen Solaranlage so lange dauere, kritisierte Renz.

Vor der Konkurrenz der Linken fürchtet sich Ypsilanti nicht. Die Freien Wähler seien noch nicht einzuordnen, griffen aber wohl eher auf das Wählerpotenzial der CDU zurück. Trotz linker Positionen reiche ihr Programm bis in die Mitte der Gesellschaft, unterstrich die SPD-Kandidatin. Ihr Programm sei mit Forderungen nach Mindestlöhnen, Tariftreue und Bürgerversicherung „ursozialdemokratisch“. Gute Bildung für alle Kinder gehe alle an. In einer Ganztagsschule ohne frühe Auslese und mit pädagogischer Betreuung sollten schwache wie starke Kinder besser gefördert werden. Damit könne auch der in G 8 durch die Verkürzung der Gymnasialzeit entstandene Druck aus den Familien genommen werden.

„Wir dürfen nicht aussortieren nach Geldbeutel und Herkunft der Eltern“, betonte Ypsilanti. Dies sei ein Skandal. Es sei eine Zukunftsfrage der Gesellschaft, auf kein Talent von Kindern mehr zu verzichten. Dementsprechend sollten unter einer SPD-Regierung die Studiengebühren wieder abgeschafft werden.

Aus dem Starkenburger Echo vom 10.08.2007