Mit 55 Jahren zum alten EisenMit 55 Jahren zum alten Eisen

Seniorenpolitik: Der Landtagsabgeordnete Norbert Schmitt kritisiert Unternehmer – Die AG „SPD 60 plus“ feiert Sommerfest – Rettungswagen künftig nur noch mit einer Person besetzt?

HEPPENHEIM. „Ich kann den Jugendwahn, wie er besonders in Deutschland zu beobachten ist, bald nicht mehr ertragen“, sagte Landtagsabgeordneter Norbert Schmitt (SPD) am Rande des Sommerfestes, zu dem die sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft „60 plus“ am Mittwochnachmittag in den Heppenheimer Stadtteil Erbach eingeladen hatte.

Zwischen Bratwurst, Kartoffelsalat und Fassbier waren in Schmitts Ausführungen diesmal nicht die politischen Mitkonkurrenten, sondern in erster Linie Unternehmer Ziel schwerer Angriffe. Von lobenswerten Ausnahmen in vornehmlich kleineren Familienbetrieben einmal abgesehen, werde von ihnen eine Personalpolitik praktiziert, die ältere, durchaus qualifizierte und noch leistungsbereite Arbeitnehmer systematisch ausgrenze. Hier werde unter Missachtung aller Anstandsregeln eine Linie gefahren, die nicht mehr länger hingenommen werden könne. Mit unternehmerischer Freiheit habe dies nichts mehr zu tun.

„Was sich auf dem Arbeitsmarkt abspielt, ist eine Diffamierung lang gedienter Mitarbeiter“, sagte der Landtagsabgeordnete und verwies darauf, dass bereits Personen von 55 Jahren an aufwärts zum alten Eisen geworfen würden. Für Schmitt ist das „Aussortieren“ ein Vorgehen, das in keinem anderen Staat so brutal angewandt werde. Der Politiker berief sich dabei auf eine von der Europäischen Gemeinschaft in Auftrag gegebene Studie, nach der deutsche Unternehmen in der Beschäftigung älterer Arbeitnehmer die mit Abstand geringste Erwerbslosenquote aufweisen.

Schmitt bemühte den Begriff „Menschenverachtung“. Den Unternehmern, die sich solcher Methoden bedienen, warf er vor, sich selbst keinen Gefallen zu tun: Ihnen gehe viel Erfahrung verloren. „Vielleicht aber“, wollte Schmitt nicht ausschließen, „ist es gerade diese Erfahrung, die manche fürchten“. Gerade Ältere seien dazu in der Lage, Fehlerquellen auszumachen „und den Managern auch mal die Meinung zu geigen“.

Bei der gleichen Veranstaltung erinnerte Schmitts Heppenheimer Parteifreund, der frühere SPD-Fraktionsvorsitzende Achim Krüger, an einen tags zuvor im Fernsehen ausgestrahlten Bericht, demzufolge die Rettungs- und Krankenwagen diverser Hilfsdienste in Zukunft nur noch mit einer Person besetzt werden sollen. Der Fall sorgt momentan in Niedersachsen für Aufregung und könnte, wie Krüger befürchtet, auch bald in anderen Bundesländern diskutiert und – wenn alles schief läuft – sogar Gesetz werden. Betroffen davon seien wieder einmal ältere, kranke und gebrechliche Menschen. Vor allem die Krankenkassen sollen es sein, die aus Kostengründen auf die Reduzierung drängen. „Man muss sich das einmal vorstellen“, zeichnete Krüger ein Bild: „Der Fahrer sitzt vorne im Führerhaus und soll über den Rückspiegel beobachten, wie es dem Patienten hinten geht.“

Sowohl Krüger als auch Schmitt plädierten für eine stärker an den Bedürfnissen betagter Menschen ausgerichtete Politik. Ein probates Mittel dafür sei die von den Sozialdemokraten immer wieder geforderte Einrichtung kommunaler Seniorenbeiräte. In Heppenheim, so Krüger, sei die Bildung eines solchen Gremiums inzwischen in ein konkretes Stadium getreten. Die CDU hatte sich zwar jahrelang dagegen ausgesprochen, zieht nun aber doch mit. Ein entsprechender Stadtverordnetenbeschluss hat mit großer Mehrheit die Hürde genommen. „Die Dinge sind am Laufen“, sagte Krüger.

Das Sommerfest der Arbeitsgemeinschaft „SPD 60 plus“ findet schon seit vielen Jahren im Heppenheimer Stadtteil statt. Der inzwischen verstorbene Hans Wagner (Erbach) hat sie früher organisiert. Gekommen waren auch diesmal Mitglieder aus dem gesamten Unterbezirk, unter ihnen Heppenheims Ehrenstadtverordnetenvorsteher Reinhold Müller. Landtagsabgeordneter Norbert Schmitt würdigte die Arbeit der Gruppe. Sie sei sehr aktiv und kümmere sich mit großem Engagement um die Sorgen und Nöte älterer Menschen. Die Arbeitsgemeinschaft wird von dem Lampertheimer Wolfgang Kühn (Vorsitzender) und dem in Heppenheim beheimateten Jürgen Wigger (Stellvertreter) geleitet.

Aus Dem Starkenburger Echo vom 28.07.2007