„Biblis ist noch immer eine Gefahr“„Biblis ist noch immer eine Gefahr“

Interview – Vertreter der heimischen Anti-AKW-Bewegung in Heppenheim diskutieren auf ECHO-Einladung über die Zukunft der Bewegung

ECHO: Herr Beiwinkel, Herr Ahlers, viereinhalb Monate nach den Atomkatastrophen von Fukushima haben Sie und die anderen Aktivisten beschlossen, ihre wöchentlichen Mahnwachen in der Heppenheimer Fußgängerzone auszusetzen. In Zukunft wollen Sie sich jeweils am ersten Montag eines Monats zum Protest gegen Atomkraft treffen. Wie betrachten sie nach Fukushima und wenige Wochen nach dem Bundestagsbeschluss zum Atomausstieg diese turbulenten Monate?

Beiwinkel: Ich sehe die Entwicklung positiv. Es ist ein riesiger Erfolg, dass der Ausstieg bewältigt wurde. Die Bevölkerung hat sich bundesweit artikuliert. Die Zeit war reif für den Ausstieg. Fukushima war der traurige auslösende Moment. Die Bundesbürger waren spätestens seit Tschernobyl 1986 mehrheitlich gegen die Atomenergie.

Ahlers: Eigentlich waren es zwei Dinge, die der Anti-AKW-Bewegung in die Hände gespielt haben: Die Laufzeitverlängerung 2010 und Fukushima. Die Katastrophen in Japan haben erneut deutlich auf die Gefahren hingewiesen. Ich sehe allerdings die Entwicklung der vergangenen Monate mit einem weinenden und mit einem lachenden Auge. Für mich ist der Bundestagsbeschluss nur ein Teilerfolg, wenn ich ihn mit dem vergleiche, was unter der rot-grünen Bundesregierung 2001 beschlossen worden war. Die damals vereinbarten Reststrommengen hätten ein früheres Ende der Atomkraft bedeutet.

Atomkraftgegner von der Bergsträßer Anti-Atomkraft-Inititative „AKW-Ende“ demonstrierten beispielsweise am
19. Juni in Biblis. 200 Demonstranten protestierten auch gegen Überlegungen,
den Block B als Kaltreserve betriebsbereit zu halten. Archivfoto: dpa

ECHO: Biblis A sollte 2008, Block B 2010 abgeschaltet werden. Die Kritik am rot-grünen Ausstiegsmodell weisen darauf hin, dass damals keine Laufzeiten, sondern Reststrommengen vereinbart wurden.

Beiwinkel: Mit den Reststrommengen waren den Tricksereien Tür und Tor geöffnet. Auch ich sehen nach wie vor die Gefahr, das sich mit zukünftigen Bundestagswahlen erneut etwas ändert. Die Aufnahme des Atomverbots in das Grundgesetz wäre wichtig gewesen. Deshalb brauchen wir nicht nur den Ausstieg aus der Atomkraft, wir brauchen eine Energiewende, einen Einstieg in regenerative Energien. Und deshalb müssen wir vor Ort vieles tun. Diese Wende geht nicht nur von Berlin aus. Wir müssen ein neues Energiezeitalter einleiten mit Blockheizkraftwerken, Nahwärmeversorgungssystemen, Energieberatung und mittelständischen Industriebetrieben, die die neuen Technologien anbieten. Die Kommunen, also Stadt und Kreis, müssen eine Vorreiterrolle einnehmen, nicht nur bei Photovoltaik, auch beim Energiesparen und bei Energieeffizienz. Wir müssen Vorrangflächen für Windkraftanlagen ausweisen. Initiativen wie die Energiegenossenschaft Starkenburg müssen einbezogen werden.

Ahlers: Das ist nicht nur eine Aufgabe der Städte und Gemeinden. Der Landkreis Bergstraße und der Landrat müssen in der Regionalversammlung Druck machen, damit Windvorrangflächen ausgewiesen werden. Momentan stochern wir mit der Stange im Nebel. Nach dem Bundestagsbeschluss ist auch die CDU in der Pflicht. Und der neue Heppenheimer Bürgermeister Rainer Burelbach muss sein Wahlversprechen halten und den Kellersberg zwischen Ober-Hambach und Schannenbach als Standort für die Windkraft ins Spiel bringen.

Beiwinkel: Ich glaube, dass der Kellersberg ein interkommunales Projekt sein sollte. Heppenheim könnte dort, wo sich die Gemarkungen berühren, mit Lautertal und Bensheim zusammenarbeiten. Burelbach ist in der Pflicht, doch er hat angedeutet, dass er sich dieses Projekt vorstellen kann. Das wäre eine große Chance.

ECHO: Die Bewegung, die nach dem 11. März entstanden ist, vereinte zunächst fundamentalistische und gemäßige Atomkraftgegner. Sie beide scheinen diese Strömungen zu repräsentieren. Wie funktioniert es, dass Sie trotzdem an einem Strang ziehen?

Ahlers: Die Heppenheimer Mahnwachen gehen zwar auf meine Idee zurück; doch ich wusste, dass das nicht reicht. In möglichst vielen Orten mussten die Menschen auf die Straße gehen. Diese Bewegung ist in unserer Region mit den Mahnwachen in Heppenheim, Lorsch, Bensheim und Lindenfels sowie den Demonstrationen in Biblis ist aus der Initiative AKW-Ende Bergstraße hervorgegangen. Das ist ein lockeres Bündnis aus verschiedenen Gruppierungen, Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Naturschützern.

Beiwinkel: Das ist in Heppenheim sehr gut gelaufen.

Ahlers: In einem solchen Bündnis gibt es natürlich unterschiedliche Ideen. Doch wir haben sehr gut zusammengefunden. Mittlerweile besteht der Kern aus 25 bis 40 Leuten.

Beiwinkel: Als Gewerkschafter mache ich mir natürlich auch Sorgen um die Arbeitsplätze in Biblis. Leiharbeiter wurden schon weggeschickt. Mit dem Abbau des Kraftwerks müsste sofort begonnen werden und die Mitarbeiter müssten so qualifiziert werden, dass sie in den regenerativen Energien Fuß fassen. Die Energiekonzerne wie RWE dürfen sich nicht ihrer Verantwortung für die Arbeitnehmer und die Region entziehen.

Ahlers: Auch da sind wir einer Meinung. Doch die Arbeitsplätze in Biblis fallen nicht von heute auf morgen weg. Es muss Rückbaupläne mit einem konkreten Zeitfenster geben. Hier ist die RWE in der Plicht, um den Mitarbeitern eine Perspektive zu zeigen. Und es müssen mehrere Milliarden investiert werden. Die Kosten für den Rückbau des Versuchsreaktors in Karlsruhe sind mittlerweile bei vier Milliarden Euro angelangt. In Obrigheim zeigt sich, welche Dimensionen der Rückbau eines solchen Kraftwerks hat. Dort waren 13 Jahre veranschlagt, dieser Zeitraum wurde bereits um fünf Jahre verlängert, sodass die Anlage am Ufer des Neckars frühestens 2018 verschwunden sein wird.

Beiwinkel: Und wir müsse uns Gedanken machen über das Zwischenlager. Mit dem Abbau der Blöcke A und B ist die Gefahr nicht vorbei. Die glühenden Brennstäbe bedrohen von Biblis aus nach wie vor die Region.

Ahlers: Wir werden unseren Protest in der Region erst endgültig beenden, wenn sicher ist das vom Kraftwerk Biblis keine Gefahr mehr ausgeht.

Zu den Personen

Volker Ahlers (46) ist Industriemeister Metall und in dieser
Funktion für Arbeitsschutz, Arbeitssicherheit, Gefahrgut
und Brandschutz zuständig. Er gehört dem Vorstand des
SPD-Ortsvereins Heppenheim an.
Franz Beiwinkel (56) ist Lehrer für Pflegeberufe. Er ist
Mitglied der Gewerkschaft Verdi und der Grünen. Als
ehrenamtlicher Stadtrat gehört er seit 2001 dem
Magistrat der Stadt Heppenheim an.
  

 

Aus dem Starkenburger Echo vom 23.07.2011