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Landtagswahlkampf: SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti wird im Odenwald mit Begeisterung empfangen

KREIS BERGSTRASSE. Die Kontraste hätten stärker nicht sein können: Die SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti informierte sich am Freitag auf einer Wahlkampfreise durch den Kreis Bergsträßer zunächst im Zwingenberger Chemieunternehmen Surtec bei Geschäftsführerin Patricia Preikschat, wie Arbeitnehmer in Entscheidungsprozesse einbezogen werden, wie das Prinzip „gerechter Lohn für gute Arbeit“ beachtet wird und daraus für beide Seiten ein Gewinn entsteht. Eine Stunde später und am anderen Ende des Kreisgebietes klagten ihr Mitarbeiter des Wald-Michelbacher Traditionsunternehmens Coronet ihr Leid. Der Inhaber kennt offenbar kein Pardon: Er möchte die letzten 100 Arbeitsplätze ins 400 Kilometer entfernte Wuppertal verlagern. Der Betriebsrat hofft, dass der Einfluss von Andrea Ypsilanti diese Entscheidung abwenden kann.

Die Spitzenkandidatin versprach, sich gemeinsam mit den Landtagsabgeordneten Karin Hartmann und Norbert Schmitt für die Interessen der Arbeitnehmer einzusetzen. Die Coronet-Mitarbeiter baten sogar um Nachsicht, dass sie den Auftritt der Politikerin vor den wartenden Gästen im Bürgerhaus aufgehalten hatten. Doch dort wurde deren Forderung mit lautem Applaus unterstützt.

Sozialdemokraten aus allen Teilen des Kreises waren in das Dorf am 593 Meter hohen Hardberg gekommen, wo Schneereste an den Straßen lagen und die Häuser am Freitag in den Wolken versanken. Um so erstaunter waren die Organisatoren, dass die Halle mit 180 Zuhörern voll besetzt war. Jungsozialisten und die Seniorenarbeitsgemeinschaft 60-Plus klatschten immer wieder begeistert Beifall, als Ypsilanti ihr politisches Glaubensbekenntnis ablegte. „Die Menschen haben wieder Vertrauen in die Sozialdemokratie, weil wir die Partei sind, die sich um soziale Gerechtigkeit kümmert“, sagte sie. Als Ungerechtigkeit beschrieb sie das Phänomen, dass in Deutschland acht Millionen Arbeitnehmer mit dem Lohn keine Familie ernähren können und dass 500 000 Bundesbürger trotz Vollzeitjob zusätzlich auf Hertz IV angewiesen seien. „Es ist nicht die Aufgabe des Staates, Dumpinglöhne zu unterstützen“, sagte Andrea Ypsilanti.

Ausführlich legte die Spitzenkandidatin dar, wie sie als Ministerpräsidentin das Bildungssystem gestalten würde: Kindergärten, die auf die Grundschule vorbereiten, möglichst lange gemeinsames Lernen, Abschaffung von G 8 und Studiengebühren. „Zurzeit bereitet die Grundschule auf Auslese vor“, so ihr Vorwurf an die Bildungspolitik der CDU-Regierung. G 8 sei „für Familien eine Katastrophe“. Die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre habe zur „Zwangs-Ganztagsschule geführt“, der Stress für Kinder, Eltern und Lehrer bedeute.

Zu ihrer Regierungspolitik würde eine „Balance zwischen Umwelt und Wirtschaft gehören“, sagte die SPD-Politikerin. Sie legte ein Bekenntnis zu den regenerierbaren Energiequellen einschließlich der Windkraft ab, obwohl sie weiß, dass sie damit im Odenwald nicht nur auf Sympathien stößt. „Man muss Windräder nicht schön finden, aber wir kommen ohne sie nicht aus“, so die Feststellung. Ypsilanti ist davon überzeugt, dass die Energieversorgung ohne Atomstrom möglich ist. „Wenn der Ministerpräsident diesen Mut nicht hat, ich habe ihn“, sagte sie in Siedelsbrunn.

Zur Energiewende gehöre, dass Stromnetz und Kraftwerke nicht in der Hand der Konzerne sein dürften. Die Netze gehörten in öffentliche Hand, wie auch Wasser, Gesundheit, Bildung und Verkehrsinfrastruktur nicht weiter privatisiert werden dürften. In dem Wald-Michelbacher Ortsteil zeigte Ortsvorsteher Helmut Gremm der Parteifreundin Bürgerhaus und Feuerwehrhaus. Beide Gebäude sind in 12 000 Arbeitsstunden durch die Eigenleistung der Bürger entstanden.

Von Siedelsbrunn aus ging es weiter in den Odenwaldkreis, wo Andrea Ypsilanti in Michelstadt sprach. Doch es war nicht ihr letzter Wahlkampfauftritt im Kreis Bergstraße. So soll sie am 11. Januar (Freitag) in Heppenheim zu einer Weinprobe geladen werden.

Prominentester Wahlkampfhelfer soll Außenminister und Vizekanzler Frank Walter Steinmeier sein. Er soll am 14. Januar (Montag) im Auerbacher Bürgerhaus Kronepark sprechen.

Aus dem Starkenburger Echo vom 24.11.2007